Die Corona-Krise aus Perspektive der Psychotraumatologie – Teil II: Was braucht es jetzt?

Die Corona-Krise aus Perspektive der Psychotraumatologie – Teil II: Was braucht es jetzt?

Die Corona-Krise hat ein großes Potenzial für die Entstehung oder Verschlimmerung von Traumatisierungen und anderen psychischen Erkrankungen, wie Angststörungen, Zwangsstörungen und Depressionen. Darüber habe ich vor dem Hintergrund eines Live-Seminars mit Michaela Huber im Artikel “Die Corona-Krise aus Perspektive der Psychotraumatologie” geschrieben. Gefährdet sind v.a. die besonders Verletzlichen in unserer Gesellschaft: Menschen mit psychischen Vorbelastungen, einsame Menschen, Kinder (v.a. jene aus Familien mit multiplen Belastungen wie beengter Wohnraum, Armut, Sucht, psychische Erkrankung eines Elternteils…), alte und behinderte Menschen (v.a. in Heimen lebende), kranke Menschen (die z.B. im Krankenhaus nicht besucht werden dürfen) sowie all jene, deren Existenz durch die Corona-Maßnahmen auf dem Spiel steht.

Ohne Zweifel ist eine Infektion mit SARS-CoV-2 gefährlich. Schwere Krankheitsverläufe bis hin zur Todesfolge sowie Langzeitfolgen bei jenen, die die Viruserkrankung überwunden haben dürfen nicht bagatellisiert werden. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen ist eine Infektion mit SARS-CoV-2 mit schwerem oder tödlichem Verlauf dramatisch. Infektionsschutz ist wichtig. Genau diese Infektionsschutzmaßnahmen haben aber massive und langfristige Auswirkungen auf die seelische Gesundheit vieler Menschen. Corona darf unseren Blick nicht verengen. Wir müssen in einer Gesellschaft alle im Blick haben und alle schützen – die, die ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf von Corona haben und die, die ein hohes Risiko haben, infolge der Corona-Maßnahmen psychisch zu erkranken.

Hinter jeder psychischen Erkrankung verbirgt sich unendlich viel Leid. Leid, das manche Menschen nicht mehr ertragen und versuchen, sich das Leben zu nehmen. Psychisches Leiden passiert meist im Verborgenen – keine alarmierenden Bilder und Zahlen in den täglichen Nachrichten machen es für uns sichtbar. Kein täglicher Live-Ticker berichtet über Suizide und Suizidversuche. Das Leid ist trotzdem da und bittere Realität für viele. Auch unterhalb der Schwelle zu psychischen Erkrankungen sind psychische Folgeschäden zu erwarten. Was machen zum Beispiel die Kontaktbeschränkungen und das ständige Ermahnen zum Abstandhalten mit unseren Kindern? Kinder sind sozial – sie brauchen den Kontakt zu Ihresgleichen. Für die soziale Entwicklung gibt es ein Zeitfenster (3.-5. Lebensjahr), in denen ein Kind vielfältige Kontakte besonders dringend braucht, damit es entsprechende emotionale und soziale Kompetenzen ausbilden kann. Wenn in diesem Zeitfenster die Kontakte über Monate sehr eingeschränkt sind, weil z.B. die Kita geschlossen ist und das Kind auch privat wenig Kontakte hat, dann hat das Folgen. Kinder sind körperlich – sie möchten berühren, Körperkontakt, auf den Schoss genommen, in den Arm genommen werden, sich aneinander kuscheln. Was macht es mit unseren Kindern, wenn ihre impulsive und ihnen innewohnende Annäherung immer wieder unterbunden wird? Wenn sie immer wieder ermahnt werden, Abstand zu halten?  Kinder stellen natürliche Verhaltensimpulse (auf Kosten hohem inneren Stress) ein, wenn diese immer wieder unterbunden bzw. negativ konnotiert werden. Die entsprechenden neuronalen Verschaltungen werden gehemmt. Es ist viel Arbeit, einmal gehemmte neuronale Verschaltungen wieder zu aktivieren.

Wir alle tragen sowohl für den Infektionsschutz als auch für den Schutz vor psychischen Folgeschäden die Verantwortung.

Was braucht es jetzt? Wie können die Folgeschäden vermieden, vermindert oder geheilt werden?

Die Politik hat bei der Bewältigung der Corona-Krise die besonders Verletzlichen in unserer Gesellschaft zu wenig im Blick. Das ist ein Fakt. Wenn das Leid, das durch die Corona-Maßnahmen entsteht, gesehen wird, wird es als das “kleinere Übel” bewertet. Das ist diskussionswürdig. Soweit die politische Ebene. Auf die können wir uns aber alleine nicht berufen.

Neben der politischen Ebene geht es um die Übernahme persönlicher Verantwortung. Bei meiner Recherche bin ich auf einen bemerkenswerten Essay der Philosophin Hannah Arendt gestoßen: “Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur”. Hannah Arendt hat den Text 1964 und 1965 mehrfach als Vortrag gehalten, 1991 wurde er erstmals publiziert und jetzt vom Münchner Piper Verlag neu herausgegeben. Nun leben wir zum Glück nicht in einer Diktatur, aber in einem Ausnahmezustand. Bürgerliche Freiheitsrechte sind eingeschränkt und durch die Corona-Maßnahmen ist jeder gesellschaftliche Raum von der herrschenden Politik durchdrungen. Arendt plädiert klar für eine “Trennung von politischer und persönlicher Verantwortung” und meint damit: “Wir können uns nicht darauf berufen, nur ein Rädchen im Getriebe gewesen zu sein”. Da will niemand mehr hin. Wir sind gefordert, in unserem kleinen Wirkungskreis das für uns moralisch “Richtige” tun, auch wenn es ggf. dem gesetzlichen “Richtig” widerspricht. Für den Umgang mit gesetzlichen Vorgaben tragen wir persönliche Verantwortung. Wir können uns nicht darauf zurückziehen, uns einfach an die gelten Regeln gehalten zu haben. Das ist eine Bürde, eröffnet aber auch einen Handlungsspielraum. Wir können etwas tun!

Was heißt das nun konkret? Einfach ein paar Beispiele: Für die Zeit der elternbegleiteten Eingewöhnung erlaubt eine Erzieherin der Mutter den Aufenthalt in der Kita ohne Maske. Ihre Begründung: Die Konfrontation mit der neuen Kita-Situation geht beim Kind mit Unsicherheit, Angst und Stress einher. Um seine belastenden Gefühle regulieren zu können und um bei seiner Mutter Sicherheit zu finden, braucht es deren volle Mimik. Ein Grundschullehrer beobachtet wiederholt, dass sich ein Kind mit seiner Maske quält, Mühe mit dem Atmen hat und sich offensichtlich sehr unwohl darunter fühlt. Er erlaubt dem Kind immer wieder Maskenpausen. Eine Grundschullehrerin hat ein behindertes Kind in ihrer Klasse, das in besonderem Maße auf körpersprachliche Kommunikation und auf körperliche Nähe angewiesen ist. Sie macht Ausnahmen beim Hygieneschutz und geht immer wieder in nahen körperlichen Kontakt ohne Mund-Nasen-Schutz. Ein Kind ist gefallen und hat sich sehr weh getan. Die Lehrerin legt ihren Arm um das Kind und nimmt dabei ihre eigene Maske ab. Zur Co-Regulation einer hohen Erregung benötigt ein junges Kind Körperkontakt und das volle Gesicht. Eine Altenpflegerin beobachtet, dass eine Bewohnerin sehr unter der Isolation leidet. Sie spricht mit ihrer Stationsleitung. Infolge darf die Tochter der alten Frau zu Besuch kommen. Eine Mutter gerät mit Kinderbetreuung, Home-Office und Homeschooling in eine Überforderungssituation. Sie verliert den Kindern gegenüber immer öfter die Nerven und leidet zunehmend unter Schlafstörungen. Sie übernimmt persönliche Verantwortung und entscheidet, den Druck rauszunehmen und ihren Anspruch an das Homeschooling zu senken. Ich selbst hatte im ersten Lockdown einmal die Lehrerin unseres Sohnes angeschrieben und darüber informiert, dass wir diese Woche nicht alle Aufgaben geschafft hätten. Die Lehrerin hatte postwendend geantwortet und sinngemäß formuliert: “Liebe Frau Stroppel, ich bin keine Expertin für Trauma. Deshalb bin ich darauf angewiesen, dass Sie als Mutter für das psychische Wohlbefinden ihres Sohnes und für ein gutes Klima in der Familie sorgen. Expertin bin ich aber, was das Nachholen von Schulstoff angeht. Das können Sie getrost in meine Hände legen. Machen Sie sich also keinen Druck!”. Eine tolle Antwort, die Schule machen darf 🙂 … .

Ein ermutigendes Beispiel für die Übernahme persönlicher Verantwortung  ist auch der Verein “Die Arche” in Berlin. Die Arche ist ein Kinder- und Jugendhilfswerk , das sich in einem Stadtteil engagiert, in dem sehr viele benachteiligte Kinder leben. Bereits im ersten Lockdown, als die meisten psychosozialen Einrichtungen ihre Türen geschlossen haben, machten die Mitarbeiter/innen der Arche einfach weiter – zum Wohl “ihrer” Kinder und deren Familien. So halten sie es jetzt auch im zweiten Lockdown. Sie besuchen die Familien zuhause, bringen Essen, bieten jedoch auch Gruppenbetreuungsangebote in ihren Räumen an. In der ZDF Sendung Zoom  (ab 20:20) sagt Bernd Siggelkow, Gründer der Arche: “Vielleicht bewegen wir uns manchmal an der Grenze zur Legalität. … Natürlich muss der Infektionsschutz gesichert werden. Aber manchmal muss ich das Überleben (auch: das psychische Überleben – Anmerkung von mir) eines Kindes sichern. Dann ist mir der Kinderschutz wichtiger”. Die Sprecherin: “Damit passiert in der Arche auf pragmatische Weise das, was für die ganze Gesellschaft während Corona möglich gewesen wäre: Für Kinder andere Regeln schaffen, als für Erwachsene und sie gerade dadurch schützen”.

Mehr Menschen, die persönliche Verantwortung übernehmen und die Einhaltung von Regeln und Vorschriften mit Blick auf ihnen anvertraute kleine und große Menschen flexibel handhaben … das könnte viel Leid vermindern oder verhindern. Das bedeutet nicht, den wichtigen Infektionsschutz über Bord zu verwerfen. Es bedeutet ein sorgfältiges und situationsspezifisches Abwägen.

Den Spaltungsprozess nicht weitertreiben! In der Corona-Krise gibt es so viele unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven. Für Michaela Huber geht es zentral darum, unterschiedliche Positionen anzuschauen, zu hören, zu würdigen und zusammenzufügen. Es geht darum, einen Raum zu eröffnen, um gemeinsam nachzudenken. Es geht darum, sich für die Meinung des anderen zu interessieren, auch wenn sie von meiner abweicht. Das gelingt nur wenn mir klar ist, dass meine persönliche kleine Wahrheit zu der ich finde (auch wenn noch so viele sie teilen) subjektiv und fehleranfällig ist. Sowohl die Mainstreammeinung als auch die der Kritiker der Corona-Maßnahmen kann danebenliegen. Es ist wichtig, dass wir uns innerlich positionieren, sonst sind wir nicht handlungsfähig. Es ist aber auch wichtig zu anzuerkennen, dass die menschliche Erkenntnisfähigkeit stets begrenzt und unvollkommen ist. “Es geht nicht ums Recht haben … ich habe viel mehr Fragen als Antworten. … es geht um Perspektivenvielfalt.” (Michaela Huber). Jede und jeder kann diesen Raum, der einlädt gemeinsam nachzudenken, in ihrem/seinem persönlichen Umfeld eröffnen. Sei neugierig, stelle Fragen, höre zu, versuche zu verstehen und bewerte nicht. So einfach – und doch so schwer! Aber indem Du das tust, baust Du Brücken – und die brauchen wir! Perspektivenvielfalt im privaten, aber auch im öffentlichen Raum: “Wir sollten Psycholog/innen, Pädagog/innen, Sozialwissenschaftler/innen, Gesellschaftswissenschaftler/innen… einladen, hören und ernst nehmen. Deren Analyse und Perspektive ist so wichtig, wie die der Virolog/innen” (Michaela Huber).

Kritik zulassen und wertschätzen! Paul Schreier kommentiert in seinem Buch “Chronik einer angekündigten Krise” den Begriff  “Corona-Kritiker” als eine “seltsame mediale Wortschöpfung, die eigentlich “Regierungskritiker” meint”. Und es ist gut, dass Menschen das Vorgehen der Regierung kritisieren. Wir brauchen Sie als Gesellschaft, die Andersdenkenden – die Probleme aus einer anderen Perspektive sehen, die einen Denkansatz verfolgen, der von dem der Mehrheit abweicht. Jana aus Irgendwo, die sich auf einer Demonstration mit Sophie Scholl verglichen hat, wurde dafür zurecht scharf kritisiert. Wir leben zum Glück in einer Demokratie und werden nicht enthauptet, weil wir anderer Meinung sind. Der Mut und die menschliche Größe von Sophie Scholl … da kommen wir nicht ran, wenn wir uns in Deutschland auf einer Demo äußern. In der Tat aber war Sophie Scholl eine Querdenkerin. Wie gesagt, wir brauchen Sie, die Andersdenkenden! Genauso legitim und gut ist es, wenn Menschen der Regierung, die sie ja gewählt haben vertrauen und die Corona-Maßnahmen als vernünftig und gut bewerten. Vielleicht ist es ja ganz oder in Teilen der richtige Weg. Wer weiß das schon? Wir brauchen Sie als Gesellschaft – die jeweils “Andersdenkenden”.

Fragen stellen! “Niemand hat in der jetzigen Situation eine 100% richtige Antwort, aber wir sollten uns Fragen stellen” (Michaela Huber). Hier einige der Fragen, die Michaela Huber in dem Seminar in den Raum gestellt hat:

  • Das Narrativ der Pandemie ist: “Wir müssen die Alten schützen”. Tun wir das? Wirklich?
  • Steht die Angst vor einem sehr konkreten Virus für andere, diffusere Ängste (Klimaveränderung, Umweltzerstörung … um unsere Erde steht es schlecht…)? Hilft die Beschäftigung mit einer ganz konkreten Gefahr, die Angst vor diffuseren Gefahren in Schach zu halten? Lenkt sie uns vor anderen Gefahren ab?
  • In der Corona-Krise wird der Schutz des Lebens über alles andere gestellt. Deshalb muten wir die Schäden, die durch die Maßnahmen entstehen, anderen zu. Ist das ethisch und rechtlich vertretbar?
  • Wenn es um das Corona-Virus geht, werden viele Kriegsmetaphern benutzt: der “Kampf” gegen das Virus, Pfleger und Ärzte arbeiten “an vorderster Front”, “Kollateralschäden”, das Virus ist unser “Feind”… . Warum benutzen wir die Kriegssprache? Welche Folgen hat das?
  • Wenn ein Virus grasiert, benötigen wir ein gutes Immunsystem. Aus der Perspektive der Medizin und der Psychoneuroimmunologie tun wir gerade aber vieles, was das Immunsystem schwächt: Masken, Desinfektionsmittel und Social Distancing machen es Coronaviren aber auch anderen schwer, sich auszubreiten. Das Immunsystem hat wenig zu tun – zu wenig?  Durch die Art der Berichterstattung wird die Angst der Menschen hochgehalten – Angst schwächt das Immunsystem. Beziehung, sich umarmen, körperliche Nähe werden reduziert. Sportmöglichkeiten (Fitnessstudios, Vereinswesen, Achtsamkeitskurse…) werden geschlossen. Ist das sinnvoll?

Vielen Dank fürs Lesen! Über Rückmeldungen freue ich mich. In dieser Zeit sind Vernetzung und Austausch besonders wichtig, damit wir einen Raum schaffen, gemeinsam nachzudenken.

So schaffen wir es GEMEINSAM!

 

Die Corona-Krise aus psychotraumatologischer Perspektive

Die Corona-Krise aus psychotraumatologischer Perspektive

“Seit dem zweiten Weltkrieg gab es kein Thema, das zu solchen Spaltungen in der Bevölkerung geführt hat, wie in der “Corona-Krise”. Auf der einen Seite diejenigen, die Angst davor haben, dass sie selbst oder ihre Liebsten eine tödliche Erkrankung bekommen könnten (Covid19) und die bereit sind, für ihre Gesundheit große Opfer zu bringen, was ihre Bewegungsfreiheit und ihre sozialen Kontakte angeht. Auf der anderen Seite diejenigen, welche die von der Regierung betriebene Pandemie-Strategie für falsch halten, sich durch die Pandemie-Strategie existenziell bedroht fühlen  und die Einschränkungen … nicht (auf Dauer) akzeptieren wollen. Beide Gruppen reden kaum noch miteinander und die gegenseitigen Anfeindungen werden immer schriller. An dieser Krise lässt sich gut zeigen, was passiert, wenn ein traumatogenes Geschehen in einer Gesellschaft um sich greift und – mit allen Folgen für die Psyche, den Körper und die sozialen Beziehungen – Angst erzeugt: die Angst vor der gesundheitlich tödlichen Gefahr (hier: dem Virus) versus die Angst vor dem Verlust der wirtschaftlichen Existenz bzw. der persönlichen Freiheiten, vor den Schäden durch die Corona-Maßnahmen z.B. auf Seiten der Kinder. In einer solchen Situation wollen es die meisten Menschen “richtig” machen. Es geht auf beiden Seiten um das, was sie “glauben” oder “nicht glauben”; bei den einen um die Unterordnung unter eine von “Mächtigen” vorgegebene Strategie; bei den anderen um das Gefühl, “aufgeklärter” zu sein als die anderen und der Überzeugung, die Regierung führe uns ins Unglück. Schon oft in der Geschichte gab es diese Konstellation, etwa in der Nazizeit. Interessanterweise werfen heute die einen auch jeweils den anderen vor, sich “wie Nazis” zu verhalten und die gesamte Bevölkerung in ein potenziell vernichtendes Geschehen zu treiben. Was steckt dahinter? Welche Übertragungen aus individuellen wie kollektiven Vor-Traumata werden hier geweckt?”

Das ist der Ausschreibungstext zu einem siebenstündigen Live-Seminar (“Corona-Krise und andere Kollektivtraumata”) mit Michaela Huber, Psychologische Psychotherapeutin und versierte Fachfrau für Traumabehandlung und Psychotraumatologie. Da mich der politische und gesellschaftliche Umgang mit Corona schon lange umtreibt, habe ich mich sofort angemeldet – geleitet von dem Bedürfnis, meine Wahrnehmungen, Gefühle, Zweifel, Ängste… zu sortieren und fachlich zu reflektieren und geleitet von dem Bedürfnis nach Austausch in einem Raum, der Perspektivenvielfalt nicht nur zulässt, sondern explizit als Bereicherung konnotiert.

Da ich den psychodynamischen Blick auf die Corona-Situation so unglaublich wichtig finde, fasse ich hier die Essenz des Seminars zusammen – das, was für mich wichtig war und ist – in meinen eigenen Worten. Denn: Wenn man ein Trauma nicht versteht, ist man gezwungen es zu wiederholen oder zu reinszenieren! Das will niemand. “Noch haben wir eine Demokratie”, so ein klarer Appell von Michaela Huber gegen Ende des Seminars. Aber wir müssen jetzt wachsam sein und unsere Demokratie schützen. Dazu kann jede und jeder beitragen – auch Du! Damit habe ich etwas vorgegriffen … also von vorne… .

Am Anfang steht die Angst. Covid19 ist neu … und alles Neue macht Angst. Und Covid19 ist für diejenigen, die daran schwer erkranken, eine lebensgefährliche Krankheit. Das ist eine wichtige Tatsache und natürlich auch beängstigend. Dazu kommt die mediale Angstmache, die uns mit grausigen Bildern konfrontiert. Nackte, spärlich bedeckte Menschen, die an Schläuchen und unter der Atemmaske um ihr Überleben kämpfen. Intensivpfleger/innen und Ärzt/innen, die in Schutzkleidung Krankenhausflure auf- und abrennen. Die Bilder von Bergamo … Militärlaster, die im Dunkeln hintereinander gereiht warten, um die vielen Toten aufzunehmen und abzutransportieren. Zu den angstverstärkenden Bildern ängstigende Worte: “Jeden Tag sterben so viele Menschen wie bei  einem Flugzeugabsturz” (Jens Spahn), eine neue “Welle” droht, die tägliche Meldung der Infektionszahlen – ohne diese ins Verhältnis zu setzen. Die mediale Angstmache ist leider explizit so gewollt. Ein Strategiepapier des Bundesinnenministeriums empfiehlt u.a. drastische Maßnahmen zur Krisenkommunikation. Die Regierung dachte sich: wenn wir den Menschen Angst machen, haben sie eine größere Bereitschaft, den Corona Maßnahmen zu folgen. Die angstverstärkende Berichterstattung der Medien kritisiert Michaela Huber scharf und bewertet sie als unethisches Verhalten. Es wird nicht benannt – zumindest nicht oft und nicht klar genug –  dass Covid19 für die allermeisten Leute keine tödliche Gefahr darstellt und dass es somit darum geht, die Leben der Älteren und Kranken zu schützen. Angst ist ein toxischer Stressor. Zu der Angst vor dem Virus kommt die Angst vor den Folgen der Corona-Maßnahmen, die Angst um die eigene Existenz, die Angst vor dem Verlust der Freiheit, die Angst vor der Zukunft, die Angst sich falsch zu verhalten. Zu der Angst als Stressor kommt der Stress durch die Bewältigung der Corona-Maßnahmen, insbesondere die Doppelt- und Dreifachbelastung durch Homeschooling, Kinderbetreuung und Homeoffice. Besonders kinderreiche und ressourcenarme Familien und Alleinerziehende trifft diese Belastung hart, aber auch so manch gut-situierte Eltern haben zu kämpfen. Für viele Kinder und Jugendliche brechen durch Kita- und Schulschließungen Tagesrhythmus, wichtige Bezugspersonen und der Kontakt zu Freunden weg. Junge Erwachsene, die sich ins Leben stürzen möchten, werden ausgebremst. Geplante Auslandsaufenthalte sind kaum möglich. Für Studienanfänger ist es schwer, unter Online-Bedingungen die so wichtigen sozialen Kontakte zu knüpfen.  Alte, behinderte und kranke Menschen leiden, weil ihn der Kontakt zu ihren Liebsten verboten wird. Trauma ist nicht durch ein Ereignis definiert. Trauma ist eine Wunde, die durch toxischen Stress entsteht. Und Stress ist toxisch, wenn er so massiv ist, dass unsere psychischen Bewältigungsmöglichkeiten überfordert sind und zusammenbrechen. Toxischer Stress ist umso gravierender, wenn belastende Situationen a) lange andauern (die Corona-Krise ist nun ein Jahr alt), b) sich wiederholen (wiederholtes On-Off des gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens), c) auf Bindung und Beziehung als wichtigster Schutzfaktor nicht ausreichend zurückgegriffen werden kann (Social Distancing, Wegbrechen von wichtigen Bindungspersonen durch Schließung von Schulen, Kitas und anderen psychosozialen Einrichtungen, Besuchsverbote in Heimen und Krankenhäusern…) und d) das Ende nicht absehbar ist. Die Corona-Krise hat also ein großes Potenzial für die Entstehung oder Verschlimmerung individueller Traumatisierungen. Symptome sind: sich sehr ängstlich, traurig, wütend oder unruhig fühlen, Sorgengedanken, häufiges Weinen, Schlafstörungen, Alpträume, Konzentrationsschwierigkeiten, unerträgliche innere Spannungen, totale Erschöpfung und innere Leere. Natürlich werden nicht alle Menschen in der Corona-Krise durch toxischen Stress traumatisiert. Gefährdet sind v.a. die besonders Verletzlichen in unserer Gesellschaft: Menschen mit psychischen Vorbelastungen, einsame Menschen, Kinder (v.a. jene aus Familien mit multiplen Belastungen wie beengter Wohnraum, Armut, Sucht, psychische Erkrankung eines Elternteils…), alte und behinderte Menschen (v.a. in Heimen lebende), kranke Menschen (die z.B. im Krankenhaus nicht besucht werden dürfen) sowie all jene, deren Existenz durch die Corona-Maßnahmen auf dem Spiel steht.

Nicht alle laufen Gefahr, traumatisiert zu werden. Aber alle sind von Corona betroffen. Der Stresspegel in der gesamten Gesellschaft ist gestiegen. Hier sind wir auf der Ebene Kollektivtrauma – eine Wunde, die dadurch entsteht, dass eine Gruppe unerträglichen existenziellen Stress erlebt. Auf diesen Stress reagiert die Gesellschaft mit Spaltung – “Covidioten” und “Corona-Leugner” auf der einen, regierungstreue “Schlafschafe” auf der anderen Seite. Die Gruppen driften auseinander, es gibt kaum noch Berührungspunkte, die gegenseitigen Anfeindungen werden immer abwertender und skurriler.  Trauma und Spaltungsprozesse gehören zusammen. Spaltung und Polarisierung sind psychische Bewältigungsversuche. Die komplexe, belastende und ängstigende Wirklichkeit wird reduziert und erscheint somit bewältigbarer. “Wenn ich mich nur richtig verhalte … und jetzt weiß ich ja definitiv, was richtig ist … dann kann ich die Situation zum Positiven verändern”. So erobern wir uns das Gefühl von Kontrolle zurück. In sozialen Medien finden wir einen Resonanzraum und Gleichgesinnte. Wir fühlen uns in unserer Meinung bestätigt. Auch das gibt Sicherheit. Die verbleibende Angst verwandeln wir in Aggression. Die jeweils anderen sind die Unvernünftigen, die Bösen, die Täter, der Feind, der bekämpft werden muss. Kampfmittel sind Abwertung, lächerlich machen, Schuldzuweisung, Denunziation. Gesellschaftliche Spaltung in Krisensituationen ist gefährlich. Wenn sich zwischen Regierungstreuen und Regierungskritikern ein Graben auftut, ist das der Keimboden für Bürgerkrieg. Das meint Michaela Huber, wenn sie sagt: “Noch haben wir eine Demokratie. Aber wir müssen jetzt wachsam sein und unsere Demokratie schützen”. Bei Bürgerkrieg sind wir nicht und da wollen wir auch nicht hin. Deshalb sollten wir die Frühwarnzeichen sehr ernst nehmen.

Aber was tun mit diesen Frühwarnzeichen?

Der Blick der Psychotraumatologie auf die Corona-Krise wirft Fragen auf:

  • Wie könnten wir die vielfältigen Schäden, die durch die Corona-Maßnahmen entstehen vermeiden, vermindern oder vielleicht sogar heilen?
  • Wie könnten die sozialen Spaltungen möglicherweise überwunden werden?
  • Wie könnten wir versuchen, die traumatischen Folgen der Krise so gut wie möglich aufzufangen?

Auf diese Fragen werde ich in einem weiteren Artikel eingehen.

Damit wir es GEMEINSAM schaffen!

 

Online-Kurs: Als Mutter in einer Krise. Wie Du für Dein Kind da sein kannst, auch wenn es Dir nicht gut geht.

Online-Kurs: Als Mutter in einer Krise. Wie Du für Dein Kind da sein kannst, auch wenn es Dir nicht gut geht.

Krisen gehören zum Leben – das weiß jede und jeder. Unser Leben stellt uns immer wieder vor Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Als Mama in einer Krise zu sein bedeutet: Du brauchst Kraft und Zeit, um die Krise zu bewältigen. Gleichzeit benötigst du aber auch Energie und Zeit, um den Bedürfnissen deiner Kinder gerecht zu werden. Und – vielleicht am schwierigsten: Obwohl Du vielleicht selbst gerade in Deinen Gefühlen verletzt und brüchig bist, willst du für dein Kind emotional verfügbar und präsent sein – je jünger das Kind, desto mehr.

Mit Kindern erleben wir eine Krise anders, denn es gibt weiterhin Menschen, für die wir die Verantwortung haben. Gerade dann ist es notwendig, gute Strategien zu finden, um mit einer Krise umzugehen.

Müttern dabei zu helfen, wieder in ihre Kraft zu kommen, ist mir ein Herzensanliegen.

Deswegen biete ich gemeinsam mit Dagmar Gericke den Online-Workshop “Mütter in der Krise! Wie du für dein Kind da sein kannst, auch wenn es dir nicht gut geht” an. Wir möchten Dir in einer schweren Zeit schnell etwas an die Hand geben, was dir hilft, auch in schweren Zeiten für dich und deine Kinder zu sorgen.

Fühlst du dich angesprochen? Dann freuen wir uns, wenn du dabei bist!

 

Das Virus ist gefährlich, ja, aber: Welchen Preis zahlen unsere Kinder?

Das Virus ist gefährlich, ja, aber: Welchen Preis zahlen unsere Kinder?

Die Corona-Krise greift tief in das Leben von Kindern und Jugendlichen ein. Gleichzeitig spielen ihre Rechte und Bedürfnisse in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Der Infektionsschutz geht vor – das wird bei der Umsetzung der Corona-Maßnahmen immer wieder formuliert. Unsere Kinder werden zu Objekten in der Eindämmung der Pandemie. Es wird nicht diskutiert, was der Lockdown und die Hygienemaßnahmen für Kinder bedeutet. Das ist bedenklich, denn: Kinder genießen in Deutschland einen besonderen Schutz. Dazu hat sich die BRD 1992 mit der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet. Das Kindeswohl muss bei allen staatlichen Entscheidungen, die sich auf Kinder auswirken können, vorrangig berücksichtigt werden (Art. 3, Abs. 1). Diese ist auch in Krisensituationen weiter gültig, soweit ich weiß. Jetzt gerät das Kindeswohl aus dem Blickfeld bzw. wird dem Infektionsschutz untergeordnet. Das ist dramatisch. Der hohe pädagogische Standard, den wir uns in Deutschland in unseren Betreuungs- und Bildungsinstitutionen mühsam erarbeitet haben, hat von heute auf morgen keine Wertigkeit mehr. Jetzt sind Hygienevorschriften maßgeblich in der pädagogischen Landschaft. Und die Pädagog/innen werden damit alleine gelassen. Sie geraten zunehmend in den Konflikt zwischen Kindeswohl und Infektionsschutz. Eine Erzieherin weiß, wie wichtig der/die vertraute Bezugserzieher/in für ein Kind ist – jetzt soll sie Notgruppen organisieren ohne Berücksichtigung dieses Kriteriums. Eine Lehrerin weiß, dass es ein innewohnendes Bedürfnis von Kindern ist,  in engem körperlichen Kontakt miteinander zu spielen und zu lernen – jetzt muss sie zu Abstand mahnen.

Ich bin keine Expertin für Virologie. Ich weiß nicht, wie es anders und besser gehen kann. Und Ich will und kann im Alleingang auch keine Lösungsvorschläge formulieren. Aber als Psychotherapeutin weiß ich, dass es so nicht geht. Und hierzu kann ich mich vor meinem fachlichen Hintergrund differenziert äußern.

Schließung der Kitas und Schulen

Seit 8 Wochen sind die Kitas und Schulen zu. Bei der schrittweisen Öffnung bleiben viele Kinder außen vor. Für viele Kinder ist das Wegbrechen ihrer sozialen Bezüge eine große Belastung. Vertraute Erzieher/innen, Lehrer/innen und Spielkameraden sind von heute auf morgen unvorbereitet einfach aus dem Leben der Kinder verschwunden. Dabei wissen wir, wie wichtig stabile und verlässliche (Bindungs)Beziehungen und Kontakt zu Gleichaltrigen für die Entwicklung eines Kindes sind. Viele Kinder brauchen dringend das Bildungsangebot der Kitas und Schulen – weil sie einen erhöhten Förderbedarf haben und/oder weil die Eltern die Kinder in ihrer Entwicklung nicht ausreichend unterstützen können. Für manche Entwicklungsschritte gibt es Zeitfenster und sensible Phasen, da kann man nicht einfach mal ein halbes Jahr pausieren. Viele Eltern sind selber am Limit und können die Kinder nicht mehr gut emotional auffangen oder was Sinnvolles mit ihnen machen. Und auch bei den Kindern gibt es Risikogruppen: Kinder aus belasteten Familien, Kinder mit einer brüchigen Beziehungsgeschichte wie z.B. Frühgeburten, chronisch kranke Kinder, Pflegekinder oder Trennungskinder, Kinder die aus anderen Gründen einen besonders verlässlichen Rahmen brauchen. Für diese Kinder stellt der Lockdown eine besondere Entwicklungsgefährdung dar. Es gibt Kinderseelen, in denen wir gerade viel anrichten und es gibt Kinder, die wir gerade nachhaltig in ihrer Entwicklung schädigen. Natürlich nehmen nicht alle Kinder Schaden. Kinder, die gesund sind (also keinen erhöhten Förderbedarf haben) … Kinder, die zuhause den sicheren Ort finden, als der er gedacht ist … Kinder, deren Eltern die Zeit und die Kompetenz haben, sie in ihrer Entwicklung konstruktiv und liebevoll zu begleiten … Kinder, die im familiären Umfeld ausreichend Spielkameraden haben … Kinder, deren Eltern durch das Virus und die Folgemaßnahmen nicht zu sehr verängstigt/gestresst sind … all diese Kinder können eine monatelange Schließung und Kitas gut bewältigen. Es gibt ja auch Kinder, die ganz ohne Kita und Schule gut groß werden. Viele Kinder wachsen aber nicht unter diesen optimalen Bedingungen auf. Die brauchen jetzt den besonderen Schutz und die Fürsorge, die sie optimalerweise in Kitas, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen finden. Bei der Notbetreuung fallen viele Kinder durchs Raster. Wir lassen sie alleine in ihrer Not.

Schließung von psychosozialen Einrichtungen

Von heute auf morgen wurden psychosoziale Einrichtungen einfach geschlossen, ohne die Folgen zu bedenken. Für Kinder und Jugendliche mit körperlichen, psychischen, geistigen Beeinträchtigungen waren wichtige therapeutische Angebote nicht mehr zugänglich. Für die Kinder und deren Eltern sind regelmäßige Physiotherapie, Ergotherapie, Logotherapie, Psychotherpie… kein nice-to-have. Es sind elementare Fördermaßnahmen, die den Status-quo der Entwicklung eines Kindes stützen und eine Weiterentwicklung ermöglichen. Es gibt auch Kinder, bei denen es nicht Entwicklungsförderung geht, sondern um eine liebevolle Begleitung der letzten Lebenswochen/-monate der Kinder. Laut einem Artikel im Trierer Volkfreund vom 20.05. wurde die ehrenamtliche ambulante Kinderhospizbetreuung komplett eingestellt. Das ist erschütternd und für die betroffenen Familie eine Katastrophe.

Umsetzung des Infektionsschutzes (Hygienevorschriften und Abstandsregeln)

Derzeit wird die schrittweise Öffnung von Kitas und Schulen vorangetrieben. Das ist begrüßenswert. ABER: Die Einrichtungen sind verpflichtet, umfangreiche Infektionsschutzpläne auszuarbeiten und diese v.a. einzuhalten.

Eine rheinland-pfälzische Erzieherin hat schon vor Corona eine Facebook-Plattform für sich und für andere Erzieher/innen gegründet, um politisch aktiv zu werden und um öffentlich Stellung zu beziehen. Im Rahmen der Glücks-Kita-Gruppe informiert eine Erzieherin, Birgit Kern, Eltern und Kindern über die Bedingungen in den Notgruppen. Ich fasse  ihren Beitrag hier kurz zusammen: Die Notgruppen werden nach Anmeldung gefüllt. Dies bedeutet, dass die Kinder in der Regel nicht von ihrer Bezugserzieherin betreut werden und auch nicht mit den Kindern zusammen sind, mit denen sie am liebsten spielen. Auch wenn die Herzenserzieherin eines Kindes in einer anderen Gruppe in der Kita ist, darf es dieser nicht nahe kommen, um Infektionsketten nachvollziehbar zu machen. Dies gilt auch für den Kontakt zu liebgewonnenen Spielkameraden. Die Kinder dürfen sich in der Kita nicht frei bewegen, sondern müssen in dem ihnen zugewiesenen Gruppenraum bleiben. Die Gartennutzung ist eingeschränkt. Die Übergabe eines Kindes erfolgt an der Tür. Auch wenn viele Kinder nach Wochen zuhause wieder eine elternbegleitete Eingewöhnung bräuchten – diese gibt es nicht. Unter Umständen werden die Erzieher/innen Mundschutz tragen. Abstand halten und Kontaktverbot gilt auch in der Kita. Körperliche Nähe soll auf ein Minimum reduziert werden. Trösten, helfen, pflegen und wickeln ist erlaubt … aber sich Ankuscheln, um gemeinsam ein Bilderbuch zu betrachten? Danke, Birgit Kern, für Ihren wertvollen Beitrag.

Ich möchte nur drei Punkte herausgreifen und fachlich kommentieren:

a) Übergabe eines Kindes an der Eingangstür: Wir haben es der Bindungsforschung zu verdanken, dass die elternbegleitete Eingewöhnung zum Qualitätsstandard in deutschen Krippen und Kitas geworden ist. Ein Elternteil bleibt so lange mit dem Kind in der Einrichtung, bis das Kind eine ausreichend vertrauensvolle Beziehung zu mindestens einer Erzieherin aufgebaut hat. Nach zwei Monaten Kitaschließung ist die (emotionale) Erinnerung bei vielen Kindern an die Erzieher/innen und an die Kita verblasst. Zwei Monate sind im Leben eines Kindes eine unglaublich lange Zeit. Jetzt soll es wieder in die Kita. Viele Kinder, v.a. die Jüngeren bräuchten nun erneut, dass Mama oder Papa so lange bei ihnen bleiben, bis sie in der Kita wieder ausreichend emotionale Sicherheit finden. Das geht zur Zeit nicht, da die Eltern die Kita nicht betreten dürfen. Hier sind wir nun wirklich an der Grenze zur Traumatisierung oder in Einzelfällen auch über diese hinaus. Wird ein Kind in die Kita-Betreuung gegeben, ohne vertrauensvolle sichere Bindung zu mindestens einer Erzieherin, erlebt es großen inneren Stress und Angst. Diese Angst kann es nicht alleine bewältigen. Die Erzieherin kann es zur Regulierung nicht nutzen, da sie nicht (mehr) ausreichend vertraut ist (versuchen Sie mal, ein kleines Kind, mit dem sie nicht ausreichend vertraut sind, in großer emotionaler Not zu beruhigen… das klappt nicht…). Das Kind spaltet die überwältigende Angst ab … und funktioniert oft scheinbar … irgendwann “beruhigen” sich auch weinende und schreiende Kinder … nur dass es keine echte Selbstberuhigung ist … sondern die Kinder trennen sich von ihren Gefühlen. Das hat die bekannten Folgeschäden. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum das, was wir uns jahrelang als pädagogische Standards erarbeitet haben, nun plötzlich nicht mehr gilt bzw. dem Infektionsschutz geopfert wird.

b) Das Tragen von Masken im Kontakt mit Kindern: Wenn Sie kleine Kinder haben und/oder mit Kindern arbeiten, kennen Sie das: Passiert etwas, das ein Kind verunsichert, sucht es den Blickkontakt von Mama, Papa oder der Erzieherin. Sie “lesen” die Mimik der Erwachsenen, um einschätzen zu können, ob die Situation gefährlich ist oder nicht. Je jünger die Kinder, desto mehr sind sie darauf angewiesen, dass ihre Bindungspersonen mit ihrem Gesicht auf sie reagieren. Bleibt diese Reaktion aus, werden die Kinder unruhig und ängstlich. Ein Beleg der Entwicklungspsychologie ist das sogenannte “Still Face Experiment”, das mit Babys gemacht wurde. In besonders verunsichernden Situationen benötigen jedoch auch ältere Kinder noch die mimische Rückmeldung und die Rückversicherung “Es ist alles o.k.”. Wenn ich unsere Jüngste täglich in die Notbetreuung bringe, müssen ich und die Erzieherin in der Übergabesituation an der Tür eine Maske tragen. Für unsere Tochter mit ihren fast 6 Jahren und zweijähriger Kitaerfahrung ist das bewältigbar. Für viele andere Kinder wird diese Situation sehr belastend sein. Zum Glück tragen die Erzieher/innen innerhalb der Kita im Kontakt mit den Kindern keine Masken.

c) Abstandsregeln für Kinder: Kinder sind sozial – sie brauchen den Kontakt zu Ihresgleichen und zu ihnen wichtigen Erwachsenen. Kinder sind körperlich – sie möchten berühren, Körperkontakt, auf den Schoss genommen, in den Arm genommen werden, sich aneinander kuscheln. Was macht es mit unseren Kindern, wenn ihre impulsive und ihnen innewohnende Annäherung immer wieder unterbunden wird? Wenn sie immer wieder ermahnt werden, Abstand zu halten. Das Aufsuchen körperlicher Nähe ist evolutionär in unseren Kinder verankert. Ursprünglich war ein Kind nur in enger körperlicher Nähe wirklich sicher. Das Aufsuchen körperlicher Nähe ist also ein Schutzmechanismus. Unterbindet man dies, erzeugt es Stress, Cortisol wird ausgeschüttet. Aus der Säuglings- und Kleinkindforschung ist bekannt, dass Kinder natürliche Verhaltensimpulse (auf Kosten hohem inneren Stress) einstellen, wenn diese immer wieder unterbunden bzw. negativ konnotiert werden. Erwachsene müssen so was noch nicht einmal aussprechen – Kinder spüren, wenn ein Verhalten unerwünscht ist und stellen das Verhalten im Sinne von Kooperation (und im Dienste des Überlebens) ein.  Eine Gefahr ist also, dass unsere Kinder verinnerlichen, dass körperliche Nähe unerwünscht bzw. “schlecht” ist und das sie ihr Verhalten entsprechend anpassen. Eine andere Perspektive ist, dass Kinder – je jünger, desto mehr – den körperlichen Kontakt brauchen, um sich emotional zu regulieren, zu beruhigen, zu entspannen. Eine weitere Gefahr ist also, dass der innere Stresspegel eines Kindes unter den gegebenen Abstandsbedingungen in Schulen und Kitas deutlich erhöht ist.

Die Abstandsregeln werden in RLP zum Glück dem Alter der Kinder angepasst. In der Kita unserer Jüngsten müssen die Kinder innerhalb einer Notgruppe zueinander keinen Abstand halten und auch die Erzieher/innen haben klar, dass sie körperliche Nähe zulassen bzw. je nach Bedarf auch anbieten. Wobei viele Erzieher/innen da sicherlich innerlich gebremst und in Konflikt mit den Hygienevorschriften sind. Kinder sind kleine Seismographen für unsere Gefühlszustände. Sie spüren – auf dem Schoss sitzend und mit der Erzieherin ein Bilderbuch betrachtend – wenn die Erzieherin in dieser Situation angespannt ist. Und sie beziehen das Wahrnehmen von “etwas ist gerade falsch/dürfte so nicht sein” auf sich = “Ich mache etwas falsch”. Das ist eine weitere Gefahr: Dass (zu Recht) verunsicherte Erzieher/innen den Kindern ambivalente Signale senden. Was die Kinder nicht dürfen: sich einer Erzieherin nähern, die zwar in der Kita, aber nicht in ihrer Notgruppe ist. Man kann Kindern das mit Corona erklären, die Gefahr ist, dass vor allem jüngere Kinder das nicht wirklich verstehen und einordnen können.

In der Grundschulklasse unserer Mittleren gilt klar: Die Kinder müssen in der Schule Abstand halten, sie dürfen sich nicht berühren und nicht in körperlicher Nähe zusammen arbeiten und spielen. Die Pädagog/innen dürfen sich den Kindern nähern, tragen dann aber einen Mundschutz, den sie abnehmen, wenn sie sich wieder entfernen. Für ein paar Wochen ist das Grundschulkindern sicher zumutbar – aber wenn die Hygienevorschriften so beibehalten werden, bis in einem halben oder in einem Jahr ein Impfstoff zur Verfügung steht, dann wird den Kindern schon viel an normalem Schulalltag genommen. Und dann ist auch hier die Gefahr, dass sich ungünstige Kontaktmuster etablieren. Dann wird Abstand zur sozialen Normaliät und verinnerlicht.

Dann gibt es noch die schrecklichen Bilder, die gerade im Netz kursieren und die leider immer wieder als real bestätigt werden. Grundschulkinder, die im Schulhof in der Pause mit Maske auf einem Strich stehen müssen, manche Schulen stellen den Kindern wenigstens ein Rechteck zur Verfügung, in dem sie sich bewegen können. Diese Bilder verletzen meine persönliche Grenze massiv – und da gibt es auch nichts fachlich zu kommentieren. Es gibt Dinge, die darf man mit Kindern einfach nicht machen. Punkt. Solche Regeln rechtfertigt auch kein Virus. Kinder vertrauen uns und sie sind von uns abhängig. In der Regel kooperieren sie und machen, was wir von ihnen wollen. Diese Macht dürfen wir nie missbrauchen.

Ich möchte mit diesem Artikel meinen kleinen Beitrag leisten, um die Situation unserer Kinder in Zeiten von Corona aus psychologischer Perspektive unter die Lupe zu nehmen. Diese Sorgfalt haben unsere Kinder verdient. Meine Grundhaltung ist: Kinder sind resilient und können vieles bewältigen. Aber wir dürfen nicht alles mit ihnen machen. Und: Kinder sind unterschiedlich. Was das eine Kind gut bewältigt, kann für das andere eine (innere) Katastrophe sein. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Situation der älteren Kinder und Jugendlichen findet in ihm zu wenig Berücksichtigung und auch die Situation der pädagogischen Fachkräfte, die von der Politik (wie die Kinder) alleine gelassen werden.

Erst heute habe ich ein aktuelles Statement der rheinland-pfälzischen Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) zur Wiedereröffnung von Kitas und Schulen gelesen. Sie sagt klar: (Infektions)Schutz und Gesundheit gehen vor. Aber: “Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht alleine das Fehlen von Krankheit” (WHO). Und: Laut Kinderrechtskonvention muss das Kindeswohl vorrangig berücksichtigt werden.

Gemeinsam schaffen wir es nur, wenn wir unsere Kinder mit ins Boot nehmen – und wenn wir ihnen in diesem Boot die besten und sichersten Plätze zukommen lassen und für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse und für die Einhaltung ihrer Rechte Sorge tragen! Sonst ist es nicht gemeinsam – da können wir so engagiert solidarisch sein, wie wir wollen!

Von Aleppo bis Corona: Wenn wir wollen, dann geht was!

Von Aleppo bis Corona: Wenn wir wollen, dann geht was!

Waad al-Kateab bekommt ihr erstes Kind mitten im Syrien-Krieg. Über fünf Jahre filmt sie ihr Leben im belagerten Aleppo. Sie macht daraus ein filmisches Tagebuch für ihre Tochter Sama: “Für Sama”. Die ARD berichtet in Panorama über die Doku und zeigt Ausschnitte. “Für Sama” zeigt unerträgliche Szenen aus dem Innersten des Krieges, erschüttert und geht unter die Haut. Eigentlich sollte der Film jetzt in den deutschen Kinos anlaufen, das wurde wegen der Corona-Pandemie aber erst mal gestoppt.

Warum ich darüber berichte? Weil die Filmszenen auch mich erschüttern … und mich sehr nachdenklich machen. Waad al-Kateab zu Beginn ihrer Doku: “Wir haben nicht gedacht, dass die Welt dies zulassen würde”. Wir haben es zugelassen. Wäre es wirklich nicht möglich gewesen, einzugreifen, zu helfen?

Es war so oft so vieles nicht möglich … und jetzt zeigt die Corona-Pandemie was möglich ist, was wir möglich machen können, wenn wir wollen. Es ist möglich

  •  die Wirtschaft runterzuschrauben und in Kauf zu nehmen, dass das Bruttoinlandsprodukt einbricht
  •  unseren Konsum einzuschränken, in dem wir die Geschäfte schliessen
  •  das Prinzip “Wachstum” außer Kraft zu setzten
  •  massenhaft Geld z.B. für die Unterstützung der Wirtschaft auszugeben (was vorher z.B. für Schulsanierungen auf gar keinen Fall da war …)
  •  den Verkehr herunterzufahren und den Flugverkehr so gut wie ganz einzustellen
  •  die Schulen für Monate zu schließen und die Digitalisierung des Unterrichts voranzutreiben

Das Argument “kann man nicht machen” ist jetzt obsolet … man wird es nach der Pandemie so nicht mehr verwenden können und das ist gut so. Spätestens jetzt müsste jedem klar sein, dass das schon immer nur eine faule Ausrede fürs Nichtstun war.

Es ist nicht nur Syrien. Ich erinnere mich an die Schreckensbilder aus Äthiopien, Ruanda, Bosnien, Somalia. Kinder, die bis auf die Knochen abgemagert waren, Kinder und Erwachsene, die täglich zu tausenden starben, umgebracht wurden. Und wir? Wir haben unsere Welt nicht angehalten. Auch ich habe meine kleine Welt damals nicht angehalten.

“Die Würde des Menschen ist unantastbar” – so steht es in unserem Grundgesetz. Und wir berufen uns darauf, um die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu rechtfertigen. Niemand soll über das Leben eines anderen entscheiden, wenn z.B. nicht genug Beatmungsplätze vorhanden sind. Aber wie ist es mit der Würde von Menschen in den Krisengebieten dieser Welt? Und was, wenn diese Menschen, wie z.B. 2015 zu uns wollen und hier Sicherheit suchen. 2015 war schon viel möglich aber viel eben auch nicht. Es wäre schon so oft so viel mehr möglich. Und ja, das bedeutet wie jetzt auch, dass es für uns die Privilegierten zu Einschränkungen kommt. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau.

Die Situationen sind komplex und es gibt keine einfachen Lösungen, aber was jetzt nicht mehr geht ist das Totschlagargument “Es ist nicht möglich”.

Auch auf individueller Ebene höre ich in Psychotherapien oft, dass etwas nicht geht. Das kann man/ich nicht machen. Den unbefriedigenden ungeliebten Job aufgeben. Eine Beziehungen anfangen oder beenden, woanders hinziehen. Es sind immer die gleichen Mechanismen, die dazu führen am Status quo festzuhalten, die Unsicherheit nicht zu wagen, der Angst nicht zu begegnen, das Risiko nicht einzugehen, das Scheitern nicht zu riskieren. Manchmal zeigen Krisen, dass es auch anders, ganz anders, geht – sowohl gesellschaftlich wie auf individueller Ebene!

Lasst es uns gemeinsam möglich machen – immer wieder!